Programmschiene

Peter Nestler

POETISCH – POLITISCH – PROVOKANT
PETER NESTLER

Retrospektive von 6. bis 28. Mai 2017

 

»Das geht nicht, ein Siel kann nicht sprechen.« Bereits mit seinem lakonisch-poetischen Erstlingsfilm AM SIEL stößt Peter Nestler zu Beginn der 1960er-Jahre auf Irritation und Unverständnis. Gemeinsam mit Fotograf Kurt Ulrich will er »mehr aus den Bildern herausholen als das, was in den Kinos und im Dokumentarfilm zu sehen war. Wir waren überzeugt, wir finden Gold.« Seine unkonventionellen Alltags-Bilder-Geschichten, oft detaillierte, präzis beobachtete Änderungsprotokolle einer Gesellschaft, die sich im strukturellen Wandel befindet – in ihrer Subtilität und gleichzeitigen Radikalität alles andere als bestellte Filmmeterware. Änderungen, die er bei den beiden für den Süddeutschen Rundfunk gedrehten Langfilmen ÖDENWALDSTETTEN und EIN ARBEITERCLUB IN SHEFFIELD vornehmen soll, verweigert Nestler, erklärende Kommentare lehnt er ab. Auch politisch bezieht er klar Position, VON GRIECHENLAND, eine filmische Antizipation des Militärputsches von 1967, wird auf den Oberhausener Kurzfilmtagen als kommunistisches Machwerk punziert. Spätestens jetzt geht nichts mehr im deutschen Fernsehen.

1966, im Alter von 29, emigriert er nach Schweden, wo der studierte Maler und ehemalige Schauspieler eine Anstellung als TV-Redakteur erhält. Mit den Schul- und Lehrfilmen, die er gemeinsam mit seiner Frau Zsóka dreht, schafft Nestler ein eigenes Dokumentarfilm-Genre. Und wieder eckt er mit dem systemkritischen Zugang und seinem Anspruch an den »Konsumenten« an, sein CHILEFILM und DÜRFEN SIE WIEDERKOMMEN? werden unmittelbar vor der Ausstrahlung abgesetzt. Nestler bohrt, gräbt, er legt frei, setzt den Rahmen – ein Bildbauer, kein Bilderlieferant. Gegensätze montiert er zu Zusammenhängen, das Naheliegende setzt er auseinander. Ein genialer, gänzlich unprätentiöser Zeichner von Arbeits-, Lebens- und Erinnerungswelten, der in seinen akribischen Spurensuchen immer auch reflektiert auf Verhältnisse und ihre Veränderbarkeit. Für Jean-Marie Straub ist er bereits 1968 »der wichtigste Filmemacher in Deutschland seit dem Krieg«. Nestlers Filme – sie sprechen für sich. (Silvia Breuss)

Am 1. Juni wird Peter Nestler 80 Jahre alt. Das Filmarchiv Austria gratuliert einem der bedeutendsten deutschen Dokumentarfilmemacher mit einer umfassenden Retrospektive. Bei einzelnen Vorführungen wird Peter Nestler persönlich anwesend sein.

Kuratorin: Astrid Johanna Ofner

Bild: (c) absolut Medien

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