Billy Wilder. Retrospektive zum 100. Geburtstag2. Juni bis 9. Juli Metro Kino (Retrospektive) Billy Wilder, der große Kino-Kosmopolit aus dem alten Österreich, längst ein Fixstern im Pantheon der Filmgeschichte, wäre am 22. Juni 2006 100 Jahre alt geworden. Kaum ein Filmemacher war so europäisch geprägt und zugleich amerikanisch orientiert wie er. Seine drei Lebenszentren Wien, Berlin und Hollywood und die dort gesammelte „life experience“ blenden sich immer wieder in seine Filmarbeiten ein. »Staatsbürgerschaft: Pole« steht 1935 auf seinem letzten Wiener Meldezettel. 1906 ließ ihn der Zufall in Sucha/Galizien zur Welt kommen. Nationalität trägt Samuel Wilder, der später als »Billie« oder »Billy« Staatsangehörigkeiten verliert und erwirbt, nicht in Dokumenten, sondern buchstäblich auf der Zunge. Seine Nationalfarben sind Couleurs der Sprache, sie verbinden ihn mit anderen Emigranten wie Fritz Lang, Erich von Stroheim, Walter Reisch oder Peter Lorre. Es ist der eigentümliche Klang des Altösterreichischen, die Sprache Kakaniens, in der sich das Formal-Deutsche mit dem jeweiligen Idiom der lokalen Herkunft verbindet. Wien, in das er 1916 kommt, wird auch für ihn zu einem ersten kulturellen Transformator, in dem Künstler und Intellektuelle aus allen Teilen der Monarchie an einer permanenten urbanen Legendenbildung arbeiten, deren Bandbreite von der »Stadt der Musen« über jene, »die es nie gab«, bis hin zur »Stadt ohne Juden« reicht, an die sich nach dem Zweiten Weltkrieg freilich die wenigsten erinnern wollen. Billy Wilder wird Journalist bei den Wiener Blättern Die Stunde und Die Bühne. Mit Absätzen, direkter Rede und Dialogen dramatisiert er in seinen journalistischen Arbeiten alltägliche Banalitäten und Wichtigkeiten. Erste Kontakte zum Film ergeben sich in Berlin, wohin Wilder 1926 kommt. Auch hier ist er zunächst als freier Reporter tätig. Drei Jahre später arbeitet er bei DER TEUFELSREPORTER erstmals an einem Drehbuch mit. Was danach bis BUDDY BUDDY (1981) in Berlin, dann in Paris und Hollywood an Drehbüchern, Produktions- und Regiearbeiten entsteht, ist längst Filmgeschichte und in zahllosen Publikationen aufgearbeitet. Als er während eines Urlaubs in St. Moritz 1933 vom Berliner Reichtagsbrand erfährt, weiß Wilder um das Ende seiner Karriere in Deutschland. Er geht nach Paris, dreht dort MAUVAISE GRAINE (1934) und erhält nach dem Verkauf eines Drehbuchentwurfs die Einreisemöglichkeit in die USA, wo auch bereits sein Bruder Willie lebt. Sein Vater ist seit 1928 tot, die restliche Familie bleibt in Europa und kommt im Holocaust um. Alle glücklichen Familien gleichen einander, heißt es in Anna Karenina, jede unglückliche dagegen wäre unglücklich auf ihre besondere Art. Der Autor und Regisseur Wilder achtet darauf, dass auch in seinen Komödien seine »Familien« nie zu glücklich dargestellt werden, ein Hauch individueller Traurigkeit begleitet oft ihr Spiel. Die angewendeten Mittel können durchaus simpel sein: Männer in Frauenkleidung kommen dabei ebenso in Betracht wie der Versuch, die Zuseher unter den Rock der Hauptdarstellerin blicken zu lassen. Billy Wilder versucht sich stets an ein möglichst großes Publikum zu wenden, wobei es ihm letztlich immer darum geht, dessen Geschmack zu heben – und sei es proportional zum Saum von Textilien. Es gibt im Grunde weder Sieger noch Verlierer in Wilders Filmen, analysiert Volker Schlöndorff, wohl aber einen moralischen Anspruch: »Er ist mit Recht stolz darauf, nie in einem Film die Wahrheit geopfert und Lügen verbreitet zu haben. Nicht eine! Allerdings ist die Wahrheit über die Natur des Menschen nicht gerade erfreulich, das Streben nach Glück drückt sich aus in Gier und Rassismus jeglicher Art.« Die Bandbreite reicht dabei von Reflexionen seiner Zeit als Journalist (DER TEUFELSREPORTER, vorgestellt von Frank Stern in der Reihe »Faszination Filmarchivierung«) (link zu Faszination Filmarchivierung), über brillant-ironisch verpackte antifaschistische Botschaften (FIVE GRAVES TO CAIRO, A FOREIGN AFFAIR), bis zu den schwärzesten Seiten der US-amerikanischen Gesellschaft (DOUBLE INDEMNITY, ACE IN THE HOLE) und Filmindustrie (SUNSET BLVD.). Zu entdecken gibt es zudem Filme, an welchen Billy Wilder nachweislich mitgearbeitet hat, in den Credits aber ungenannt blieb (SEITENSPRÜNGE, TALES OF MANHATTAN). |
Presseinformation und Pressefotos: Mag. Karin Moser k.moser@filmarchiv.at Mag. Thomas Ballhausen E-Mail: metrokino@filmarchiv.at |
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