Kunst der Routine

Aber was macht dann am Ende den Regisseur Géza von Bolváry so herausragend? Warum ist er so eklatant besser als so ziemlich alle anderen Regiehandwerker seiner Zeit? Simpel gesagt: Ob seiner schieren Effizienz wie bewunderungswürdigen Geschmackssicherheit – er konnte das Beste aus einem Projekt herausholen, es zuspitzen, auf den Punkt genau inszenieren; Bolváry hatte, wenn alles rund lief, auch immer genau die eine Idee, die eine Szene besser macht, ihr das gewisse Etwas verleiht. In WAS FRAUEN TRÄUMEN z. B. gibt es eine Szene, in der sich Nora Gregor hinsetzt, eine Zigarette anzündet und lässig zurückgelehnt raucht, was Bolváry in einem etwas anderen, glamouröser-, weil speziell gefilterten Licht als den Rest der Szene, fast als Schattenriss filmt – wichtiger als jede Lichtkontinuität, als jedes Realismusansinnen ist hier in diesem Moment das Star-Potenzial der Gregor, wie man das mit einer kleinen inszenatorischen Spitze zum Strahlen bringt, einen Ciné-sinnlichen Mehrwert schöpft. Oder in ZWISCHEN STROM UND STEPPE: Da bleibt er manchmal länger auf einem Landschaftsbild stehen, als die Szene nominell hergibt – wohlwissend, dass die eigentliche Sensation, Erzählung des Films der Strom ist, die Wälder, die Weiten der Ebenen dahinter – die Menschen sind primär der Anlass dazu.

Timing

Bolváry hatte zudem ein ganz rares Timing-Talent, sowohl was das Tempomachen, wie -herausnehmen angeht: CHAMPAGNER, z. B., ist so brillant, weil die Szenen, Einfälle, Gags ganz dicht aufeinander in einer berückend unvorhersehbaren Weise folgen – Bolváry springt in den Bildgrößen wie Motiven oft unorthodox hin und her, ohne dass das je unübersichtlich oder gar formlos wirkte – alles jazzy, slightly freischwebend –, so wie man auch den Eindruck hat, dass die Schauspieler dazu veranlasst wurden, sich gehen zu lassen, so völlig enthemmt, wie sie phasenweise wirken. SCHICKSAL, dann, ist so ungemein eindringlich, weil Bolváry hier ganz subtil das Tempo herausgenommen hat, die Szenen immer einen Tick dehnt – u. a. dadurch, dass er in die Szenen immer wieder etwas zu früh hinein- und zu spät herausgeht, ein Bild also stehen lässt –, dazu kommt, dass sich in den Bildern, deren Bau immer wieder Gewaltverhältnisse abbilden; dass die Montage ganz arg die Folgerichtigkeit der Bilder und damit der Verhältnisse in ihnen unterstreicht – visuelle Symmetrien und Alliterationen tun ein übriges –, was dem gesamten Fluss des Films dieses Gefühl einer Vorbestimmtheit der Dinge gibt, die am Ende auch seine versöhnlich-transzendentaleren Momente färbt.

Film und Geschichte

Und schließlich ist da Bolvárys Zug zum Metafilm – wieder und wieder geht es in den Filmen unterschwellig um das Medium selbst, auch wenn er dafür ab und an von anderen Medien erzählt. THE GHOST TRAIN, etwa, ist vor allen Dingen ein Versuch über die Schöpfung von Illusionen: über die Evokation von Tönen durch Bilder – apropos einer Geschichte, in denen so mancher ein anderer ist, als er zu sein vorgibt; oder PREMIERE: eigentlich ein – bewusst etwas unrein belassener – Versuch über die Idee von Kino und Echtzeit; oder, und eigentlich genau andersrum, DAS GABS NUR EINMAL: vielleicht der Adenauer-bundesrepublikanische Metafilm par excellence, der am Ende einem vor allem etwas über die BRD, deren Schizophrenie im Hinblick auf ihren Nazideutschlandsnachfolgestaatsstatus erzählt. So geht das ständig bei Bolváry: Spricht man lang genug über die Zeit und den Kontext, landet man zwangsläufig beim Kino – versucht man beim Kino zu bleiben, weiten sich die Dinge immer weiter zeitwärts aus. Was vielleicht das Besondere an Bolváry ist: Bei kaum einem anderen Filmemacher von vergleichbarer Brillanz zeigt sich mit einer solchen Ungebrochenheit dieses Ineinander von Film und Geschichte – so als ob man, wenn man nur professionell genug an die Dinge des Kinos herangeht, zwangsläufig bei der Welt landen müsste, weil die letzten Endes auch nur eine von vielen Inszenierungen ist. Da gibt sich Bolváry keinen Illusionen hin: Wirklich ist immer nur die Regie, alles andere allein ihr Grund. Vorhang. (Olaf Möller)

Champagner, A/GB 1929

Der Herr auf Bestellung, D 1930

Schicksal, D 1942 

Programm

Géza von Bolváry


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