Retrospective
Marcello Magnifico
100 Jahre Mastroianni
9.9.–16.10.2024
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Schon in jungen Jahren erregt der in der Nähe von Neapel geborene Handwerkersohn Aufmerksamkeit: Niemand Geringerer als Luchino Visconti entdeckt den umschwärmten Laienschauspieler, der eigentlich Architektur und Volkswirtschaft studiert hat, in einem Studententheater Ende der 1940er- Jahre. Nach ein paar kleineren Filmauftritten nimmt Mastroiannis Karriere in den 1950ern Fahrt auf. Häufig steht er als gutmütiger, aus einfachen Verhältnissen kommender Durchschnittstyp vor der Kamera, der sich den neuen Verhältnissen im wirtschaftlich aufstrebenden Nachkriegs-Italien anzupassen versucht, was in Mario Monicellis vorzüglicher Gaunerkomödie I SOLITI IGNOTI in einen ersten Höhepunkt kulminiert. In Federico Fellinis LA DOLCE VITA gelingt schließlich der Sprung zum Charakterdarsteller, zum Mann von Welt: Mastroianni wird damit nicht nur schlagartig international berühmt, sondern erhält auch das zeitlebens an ihm haftende wie verhasste Image des Latin Lovers.
Dabei sind die Männer, die er in den folgenden Jahren verkörpert, alles andere als potent. Als ob er der öffentlichen Wahrnehmung entgegensteuern wolle, schlüpft er häufig in die Rolle des inetto – des Versagertypen, der mit den sozialen, politischen und auch sexuellen Veränderungen seiner Zeit nicht Schritt halten kann. Bewusst legt er dabei seine Figuren als überzeichnete Parodien an, wie etwa in Pietro Germis DIVORZIO ALL’ITALIANA, wo er einen widerlichen Wüstling spielt und dafür die erste von insgesamt drei Oscar-Nominierungen erhält.
Im Lauf seiner langen Karriere erfindet sich Mastroianni immer wieder neu – und lässt sich erfinden: Neben Fellini arbeitet er regelmäßig mit Marco Ferreri, Elio Petri und insgesamt neun Mal mit Ettore Scola, bei dem er in UNA GIORNATA PARTICOLARE wieder mit Leinwand-Traumpartnerin Sophia Loren ein ungewöhnliches Außenseiterpaar im Faschismus gibt. Jahre später finden sie in Robert Altmans PRÊT-À-PORTER wieder zusammen und spielen eine ironische Variation ihrer früheren Erfolge – ansonsten lehnt der abseits der Leinwand als bodenständig geltende Mastroianni zeitlebens Angebote aus Hollywood ab. Dem europäischen Kino hat er jedoch – auch in seinen von zarter Melancholie geprägten Spätrollen – wie kein anderer seinen Stempel aufgedrückt: »Der Schauspieler muss wie ein Chamäleon sein: Er setzt sich auf eine Farbe und wechselt seine eigene. Er kann genial sein, aber bleibt immer ein Kind.« (Florian Widegger)